Mitarbeiterbindung in Heilmittelpraxen: Was wirklich funktioniert

Viele Physiopraxen finden kaum noch Therapeut:innen — und verlieren gleichzeitig Mitarbeiter:innen, die eigentlich bleiben wollten. Arbeitgeberattraktivität entsteht dabei selten allein durch Gehalt oder Benefits, sondern oft im ganz normalen Praxisalltag.

Der Bottroper Praxisinhaber Christopher Floegel setzt deshalb bewusst auf planbare Arbeitszeiten, echte Pausen und flache Hierarchien. Seine Erfahrung: Gute Teams entstehen selten durch große Konzepte, sondern durch viele kleine Alltagserfahrungen.

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Arbeitgeberattraktivität zeigt sich selten in Benefits

Fortbildungszuschüsse, Jobrad oder Tankgutscheine gehören inzwischen fast selbstverständlich zu vielen Stellenanzeigen. Das kann sinnvoll sein. Im Alltag entscheiden für viele Therapeut:innen jedoch oft andere Dinge: Wie wird miteinander gesprochen? Gibt es echte Pausen? Wie flexibel reagiert die Praxis auf private Lebensrealitäten? Und wie viel Vertrauen erleben Mitarbeiter:innen tatsächlich?

Es geht also oft nicht darum, einen belastenden Arbeitsalltag durch Zusatzleistungen auszugleichen. Sondern darum, die Arbeit so zu gestalten, dass Mitarbeiter:innen auch ohne Extras bleiben wollen.

Wenn Arbeit noch Platz fürs Leben lässt

Viele Therapeut:innen wünschen sich heute nicht einfach nur weniger Stunden oder klassische Teilzeitmodelle. Häufig geht es um etwas Grundsätzlicheres: ob neben der Arbeit noch Platz für das eigene Leben bleibt.

Gerade im Gesundheitswesen erleben viele Fachkräfte vor allem Anpassungsdruck. Dienstpläne stehen fest, private Termine müssen sich oft unterordnen und der Praxisalltag gibt den Rhythmus vor. Umso stärker fällt auf, wenn Praxen versuchen, den umgekehrten Weg zu gehen. Christopher Floegel spricht deshalb im Vorstellungsgespräch bewusst nicht zuerst darüber, wann jemand arbeiten kann. Sondern darüber, was Menschen außerhalb der Praxis wichtig ist.

„Hast du Hobbys? Hast du Sportvereine? Irgendwas?“

Eine der ersten Fragen von Christopher Floegel im Vorstellungsgespräch

Sportvereine, feste Termine, Familie oder Hobbys gehören für ihn nicht erst nach Feierabend zum Leben, sondern sind Teil der Arbeitsplanung.

Wer seit Jahren dienstags Fußball spielt, soll deshalb nicht automatisch bis abends behandeln müssen. Stattdessen versucht die Praxis, Dienstpläne möglichst um bestehende Lebensrealitäten herum zu gestalten. Dazu gehört für Floegel auch, Belastung im Alltag bewusst zu begrenzen. Keine Überstunden, planbare Arbeitstage und eine volle Stunde Mittagspause, in der die Praxis bewusst herunterfährt, sollen dafür sorgen, dass Mitarbeiter:innen langfristig gesund arbeiten können.

Gerade diese Haltung scheint für viele Mitarbeiter:innen entscheidend zu sein. Denn sie merken sehr genau, ob sie ihr Leben dauerhaft um die Praxis herum organisieren müssen oder ob die Praxis versucht, beides miteinander vereinbar zu machen.

Freundlichkeit prägt Praxen stärker als viele Konzepte

Viele Praxisinhaber:innen investieren viel Geld in moderne Räume oder neue Geräte. Jedoch entscheiden im Alltag oft deutlich einfachere Dinge darüber, wie angenehm eine Praxis wahrgenommen wird. Das beginnt schon an der Rezeption: Wie werden Menschen begrüßt und verabschiedet? Wird hektisch und gereizt miteinander gesprochen oder ruhig und aufmerksam? Und wie wird mit Patient:innen telefoniert, wenn der Praxisalltag gerade stressig ist?

Christopher Floegel beschreibt, dass er bei Mitarbeiter:innen am Empfang weniger auf perfekte Lebensläufe achtet als auf Persönlichkeit, Kommunikationsfähigkeit und echtes Interesse an Menschen. Denn Freundlichkeit lässt sich nur begrenzt vorspielen.

Ob jemand nur abgefertigt wird oder wirklich willkommen ist, merken die Patient:innen schon am ersten Telefonat. Gleichzeitig beeinflusst diese Atmosphäre auch das Team selbst.

Vertrauen entlastet Teams

Viele Therapeut:innen wünschen sich heute weniger Kontrolle und mehr Eigenverantwortung. In Floegels Praxen gibt es zwar klare Grundhaltungen im Umgang mit Patient:innen — etwa respektvolle Kommunikation und Aufmerksamkeit während der Behandlung. Wie therapeutisch gearbeitet wird, bleibt dagegen bewusst individuell.

Denn Therapeut:innen arbeiten unterschiedlich. Manche sehr strukturiert, andere stärker intuitiv oder beziehungsorientiert. Gerade erfahrene Therapeut:innen empfinden diese Freiheit häufig als große Form der Wertschätzung.

Auch organisatorisch setzt die Praxis auf Vertrauen: Mitsprache bei Dienstplänen, flexible Arbeitsgestaltung und möglichst wenig Mikromanagement gehören bewusst zum Alltag.

 Das zeigt sich unter anderem bei der Dokumentation — einem Thema, das viele Therapeut:innen eher als notwendige Pflicht denn als sinnvollen Teil ihrer Arbeit erleben. Gerade das direkte Dokumentieren zwischen zwei Behandlungen oder handschriftliche Einträge in Patientenakten empfinden viele als stressig und unpraktisch. 

Deshalb setzt die Praxis konsequent auf digitales Arbeiten. Dokumentationen können flexibel erstellt werden — direkt am Praxisrechner, später in Ruhe oder teilweise sogar per Diktierfunktion über das Smartphone von zu Hause aus.

Für viele Therapeut:innen wird genau das zunehmend wichtig: Arbeitsalltag soll nicht unnötig kompliziert sein. Denn modernes, digitales Arbeiten wird immer mehr auch zu einem Faktor für Arbeitgeberattraktivität. 

Ein individuelles Team braucht individuelles Teambuilding

Viele Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung entstehen nicht durch große Strategieworkshops, sondern durch vergleichsweise einfache Fragen im Alltag: Muss man Dinge wirklich so machen, wie man sie schon immer gemacht hat?

Christopher Floegel beschreibt das am Beispiel der klassischen Weihnachtsfeier. Irgendwann stellte sich im Team die Frage, ob ein weiterer Restaurantabend im ohnehin vollen Dezember wirklich das ist, worauf sich alle freuen.

Die Lösung war am Ende erstaunlich simpel: Stattdessen organisiert das Team heute gemeinsame Wochenenden außerhalb des Praxisalltags. Die erste Fahrt führte nach Holland — mit gemeinsamem Kochen, Sport und viel Zeit miteinander.

Entscheidend war am Ende nicht das Wochenende selbst. Sondern die Frage, warum Teams oft an Gewohnheiten festhalten, die längst niemand mehr wirklich gut findet.

Gerade im Praxisalltag werden viele Abläufe über Jahre übernommen, ohne sie noch einmal bewusst zu hinterfragen. Dabei entstehen Verbesserungen oft genau dort: nicht durch große Konzepte, sondern durch kleine Veränderungen, die den Alltag für Teams tatsächlich angenehmer machen.

Mehr zum Thema im Podcast!

In der Podcastfolge spricht opta data-Moderatorin Julia Pichura mit dem Bottroper Praxisinhaber Christopher Floegel über Arbeitgeberattraktivität, Mitarbeiterbindung und Teamkultur in Physiopraxen. Es geht um flexible Arbeitszeiten, Arbeitsatmosphäre, flache Hierarchien und die Frage, wie Teams langfristig gesund zusammenarbeiten können.

Jetzt reinhören!

Julia Pichura

Seit über 28 Jahren ist sie im Heilmittelbereich zu Hause und kennt den Praxisalltag genauso wie die Anforderungen im Gesundheitswesen. Sie bewegt sich zwischen Verbänden, Fachabteilungen und Regelwerken – und genau dort, wo es kompliziert wird, sorgt sie für Klarheit. Ihre Stärke: Sie macht auch komplexe Themen rund um Digitalisierung, Abrechnung und Praxis-Organisation verständlich und greifbar.