„Was machen die denn da eigentlich?“
20-Minuten-Takt, hoher Versorgungsdruck und begrenzte wirtschaftliche Spielräume gehören für viele Physiotherapeut:innen zum Praxisalltag. Hinzu kommt eine Vergütung, die mit Verantwortung und Belastung oft nur schwer zusammenpasst.
Der Physiotherapeut Marc Akel wusste selbst, wie wenig Geld nach den Kosten einer Behandlung übrigbleiben kann. Seinen Arbeitgeber machte er dafür nicht verantwortlich. Sein Blick richtete sich vielmehr auf diejenigen, die an den Rahmenbedingungen etwas verändern können: die Berufsverbände. Nur: Er war selbst in keinem Verband Mitglied.
Warum über eine Interessenvertretung schimpfen, der man die eigene Stimme gar nicht gibt?
Nachdem er verschiedene Verbände miteinander verglichen hatte, entschied er sich für Physio Deutschland. Aus der Mitgliedschaft wurde schnell mehr: Marc bot seine Mitarbeit an, stellte Fragen und wollte wissen, warum bestimmte Dinge so laufen, wie sie laufen.
Und genau dabei veränderte sich sein Blick auf Berufspolitik.
Härter verhandeln? So einfach ist es nicht
Mehr Vergütung? Dann müssen die Verbände eben härter verhandeln.
So hatte Marc selbst einmal gedacht. Durch seine Mitarbeit lernte er jedoch, dass hinter Verhandlungen weit mehr steckt als eine möglichst harte Forderung. Unterschiedliche Interessen müssen zusammengeführt, Positionen abgestimmt und tragfähige gemeinsame Linien gefunden werden.
Wie viel Abstimmung dafür nötig sein kann, zeigte sich zuletzt bei der Blankoverordnung: Trotz unterschiedlicher Verbände gelang es, gemeinsam auf die Streichung der versorgungsbezogenen Pauschale zu reagieren.
Berufspolitik braucht deshalb klare Forderungen, viel Abstimmung und ein möglichst geschlossenes Auftreten nach außen. Je mehr Akteure sich hinter einer gemeinsamen Position versammeln, desto stärker lässt sich diese vertreten.
Mit Dutt gegen alte Strukturen
In gewachsenen politischen Strukturen gibt es nicht nur offizielle Regeln. Menschen arbeiten teilweise seit Jahren miteinander, kennen Konflikte, alte Auseinandersetzungen und gegenseitige Vorbehalte.
Marc kommt als vergleichsweise Neuer in dieses Geflecht. Dass er nach eigener Aussage mit Dutt und ohne klassische politische Sprache für Verwirrung sorgt, ist dabei mehr als eine nette Anekdote.
Neu im Geflecht – und noch unvoreingenommen
Ungeschriebene Regeln können Strukturen verfestigen – und irgendwann wichtiger werden als das eigentliche Ziel. Marc versucht, sich davon nicht zu sehr leiten zu lassen. Er will authentisch bleiben, Dinge offen ansprechen und gemeinsam an Lösungen arbeiten. Dass dabei manchmal erst Unordnung entsteht, nimmt er in Kauf: Neue Wege entstehen schließlich selten innerhalb alter Muster.
Damit verschiebt sich der Blick von alten Konflikten auf eine einfachere Frage:
Was wollen wir für die Physiotherapie erreichen – und wie kommen wir gemeinsam dorthin?
Genau diese Haltung sieht Marc als eine seiner Stärken in der Zusammenarbeit mit anderen Verbänden.
Doch für ihn geht es nicht nur darum, wie Berufspolitik funktioniert, sondern vor allem darum, was sie für die Physiotherapie verändern kann. Dabei bringt Marc immer wieder die Perspektive ein, die er selbst viele Jahre erlebt hat: den Alltag in der Praxis.
Politik muss wissen, wie Praxis wirklich aussieht
Gesetze, Verträge und Vergütungsregelungen klingen auf politischer Ebene schnell abstrakt. In der Praxis entscheiden sie darüber, wie viel Zeit für eine Behandlung bleibt, welcher organisatorische Aufwand entsteht und welche Handlungsmöglichkeiten Therapeut:innen haben.
Marc versucht deshalb, politische Entscheidungen in konkrete Situationen aus dem Behandlungsalltag zu übersetzen. Politiker:innen sollten seiner Ansicht nach selbst erleben, was es bedeutet, sich im 20-Minuten-Takt immer wieder auf einen neuen Menschen einzustellen und gleichzeitig zu dokumentieren und zu organisieren.
Dass Marc selbst lange in der Praxis gearbeitet hat, hilft ihm dabei. Er kann nicht nur über Strukturen sprechen, sondern zeigen, was diese Strukturen im Behandlungsraum auslösen.
Gute Physiotherapie braucht mehr Spielraum
Mehr Vergütung allein löst nicht jedes Problem in der Praxis. Gut ausgebildete Physiotherapeut:innen können beispielsweise fachlich zu dem Schluss kommen, dass eine andere Behandlung sinnvoller wäre als die verordnete. Ändern dürfen sie das jedoch nicht ohne Weiteres. Eine Abstimmung mit der ärztlichen Praxis kostet zusätzliche Zeit – und diese Zeit wird nicht automatisch vergütet.
Ähnlich starr kann die Behandlungsdauer sein. Nicht jede Therapie braucht gleich viel Zeit. Trotzdem prägt der 20-Minuten-Takt vielerorts den Alltag. Marc plädiert deshalb dafür, dass Therapeut:innen stärker mitentscheiden können, wie viel Zeit eine konkrete Behandlung benötigt.
Der Direktzugang würde diesen Gedanken noch weiterführen: Patient:innen könnten sich unmittelbar an Physiotherapeut:innen wenden, ohne dass vorher ärztlich entschieden werden muss, ob Physiotherapie überhaupt infrage kommt.
Hinter diesen Forderungen steckt derselbe Anspruch: Physiotherapeut:innen sollen ihre fachliche Kompetenz stärker eigenständig einsetzen können.
Mehr fachliche Verantwortung braucht dafür klare Rahmenbedingungen und genügend Entscheidungsspielraum für gut ausgebildete Therapeut:innen.
Verantwortung übernehmen statt nur zuschauen
Heute sitzt Marc selbst an den Tischen, an denen diskutiert, verhandelt und nach gemeinsamen Lösungen gesucht wird. Er spricht Probleme an, legt den Finger in die Wunde und versucht gleichzeitig, Veränderungen mitzugestalten. Seinem jüngeren Ich würde er deshalb einen Satz mitgeben:
„Hab Mut, Verantwortung zu übernehmen. Du wirst mehr bewegen können, als du denkst.“
Wie Berufspolitik hinter den Kulissen funktioniert, welche Rolle alte Strukturen dabei spielen und warum die Physiotherapie mehr fachlichen Spielraum braucht, erzählt Marc Akel in der neuen Folge von „Einfach behandeln.“.
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